05.10.2016

Besonderheiten bei der Bewertung von Familienunternehmen

Wertermittlung unter Berücksichtigung persönlichkeitsgebundener Effekte

Familienunternehmen sind in mancherlei Hinsicht besonders: oft besonders erfolgreich, besonders innovativ, besonders wichtig für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in Deutschland, zuletzt besonders widerstandsfähig in Krisen und nicht zuletzt besonders wichtig für ihre Eigentümer: die Familie als Unternehmer. Diese spezifischen Aspekte in einem Bewertungsverfahren einzufangen, stellt eine große Herausforderung dar.

Markante Bewertungsbesonderheiten bei Familienunternehmen im Überblick

Bei der Bewertung von Familienunternehmen, die ja meist kleinere oder mittelgroße Unternehmen (KMU) sind, gibt es im Vergleich zu großen Unternehmen mit einer Vielzahl anonymer Eigentümer viele wichtige Besonderheiten. Die wesentlichen Unterschiede stammen aus der Nähe der Familie als Eigentümer und der Familienunternehmer zu ihren Unternehmen. Sie prägen, steuern und entwickeln das Unternehmen oft mit vollem Einsatz – sowohl persönlich als auch finanziell. Deshalb haben KMU anders als große Unternehmen häufig kein von den Unternehmenseignern unabhängiges Management, sondern die Eigentümer und Unternehmer beeinflussen das operative Geschäft unmittelbar und stellen nicht selten selbst einen wesentlichen Erfolgsfaktor aufgrund ihrer eigenen Fähigkeiten oder Beziehungen für das Unternehmen dar.


Auch darüber hinaus ist die Sphäre der Unternehmenseigner mit der Sphäre des Unternehmens eng verknüpft. Oft lassen sich nicht marktgerechte Vergütungen operativ tätiger Gesellschafter bzw. deren naher Angehöriger beobachten, in vielen Fällen werden Vermögenswerte im Privatbesitz dem Betrieb überlassen und nicht selten besteht eine Haftung mit Privatvermögen für betriebliche Finanzierungen in Form von Sicherheiten oder Bürgschaften der Gesellschafter. Schließlich können gerade KMU eine geringere Diversifikation des Unternehmens, also einen hohen Spezialisierungsgrad mit einem oder wenigen Produkt(en) aufweisen, z. B. die „Hidden Champions“, die in kleinen Marktnischen zu den Marktführern gehören.


Steht man vor der Aufgabe, Familienunternehmen möglichst objektiviert zu bewerten, so stellt sich die Frage, wie mit ihren besonderen Unternehmens- und Unternehmereigenschaften, die die Ertragskraft dieser Unter nehmen prägen, umzugehen ist – und ob und in welchem Umfang diese besonders geprägte Ertragskraft auf einen Dritten, z. B. einen familienfremden Käufer, übertragbar ist.


Eine weitere Besonderheit von Familienunternehmen betrifft die für jede Bewertung erforderliche Datengrundlage. Ein wichtiges Erfordernis ist dabei eine mittel- bis langfristige Unternehmensplanung, welche häufig bei KMU entweder nur grob, überhaupt nicht oder zumindest nicht dokumentiert und damit nur „im Kopf des Unternehmers“ vorliegt. Manchmal sind auch bereits die Vergangenheitsdaten wenig verlässlich, da zumindest keine geprüften Jahresabschlüsse vorhanden sind. Voraussetzung für eine Bewertung ist eine integrierte Planungsrechnung, die aufeinander abgestimmte Plan-Bilanzen, Plan-GuV sowie Finanzplanungen umfasst. Liegt eine solche zunächst nicht vor, ist diese vom Unternehmen entweder für den Bewertungsanlass selbst zu erstellen oder mithilfe des mit der Bewertung beauftragten Gutachters zu entwickeln.


Hinweis: Der Artikel " Planung als Basis in Verkaufsprozessen" arbeitet die Vorteile einer integrierten Planung im Detail heraus.

Detailbetrachtung einzelner Aspekte

Bestimmungsfaktoren der übertragbaren Ertragskraft

Bei einer Unternehmensbewertung wird meist grundsätzlich ein unendlicher Bewertungszeitraum angenommen, d. h. im Rahmen einer Unternehmensübertragung wird unterstellt, dass die zum Stichtag vorhandene Ertragskraft nachhaltig zur Verfügung steht und durch einfache Ersatzinvestitionen auch zukünftig unbefristet erhalten werden kann. Bei der Bewertung von KMU kann dies jedoch in manchen Fällen nicht ohne weiteres angenommen werden. Häufig sind bei KMU zentrale Erfolgsfaktoren untrennbar mit der Unternehmer persönlichkeit des bisherigen, operativ tätigen Anteilseigners verbunden. Der Unternehmer wirkt oft vor allem als

  • (Haupt-)Leistungserbringer (z. B. Freiberufler, Handwerker), dessen Leistung prägend für die Kundenzufriedenheit ist,
  • als Verkaufsleiter, der kontinuierlich neue Kunden gewinnt,
  • als Geschäftsleiter, der hohe Marketingeffekte erzielen kann,
  • als Vertrauensperson gegenüber den Mitarbeitern, die eine hohe Loyalität in der Belegschaft erzeugt,
  • als Träger von bestimmtem Wissen, aufgrund dessen neue Produkte und Verfahren entwickelt werden.

Diese immateriellen Faktoren können nur durch die gestaltende Tätigkeit des Unternehmers erhalten werden und die daraus resultierende Ertragskraft ist i. d. R. zeitlich begrenzt. Da bestehende Kundenbeziehungen abschmelzen, technisches Wissen veraltet oder das Geschäftsmodell an sich nur eine begrenzte Laufzeit aufweist, werden solche Faktoren nur temporär auf einen neuen Eigentümer übertragbar sein. Vielmehr bedarf es zukünftig eigener Anstrengungen des Erwerbers, um

  • Neukunden als Ersatz für wegbrechende Altkunden zu gewinnen,
  • neue Produkte oder technische Verfahren einzuführen oder
  • um das Geschäftsmodell anzupassen.

Entsprechendes gilt auch für Beziehungen personeller oder familiärer Art zwischen der Unternehmerpersönlichkeit und Kunden, die im Rahmen eines Eigentümerwechsels nicht oder zeitlich nur begrenzt mit übergehen.


Daher ist bei der Bewertung von KMU zu analysieren, ob und inwieweit sich die aus den identifizierten Faktoren resultierende Ertragskraft nach dem Ausscheiden des Eigentümers unmittelbar nach dem Bewertungsstichtag oder über einen bestimmten Zeitraum danach reduziert. Im erstgenannten Fall sind die Erfolgsbeiträge zu eliminieren. Im zweit genannten Fall sind die nur temporär übertragbaren finanziellen Überschüsse während der Detailplanungsphase abzuschmelzen.


Hinweis: Eine pauschale Aussage zur Dauer des Bewertungszeitraums ist nur eingeschränkt möglich, allerdings kann man erwarten, dass in der Mehrzahl der Fälle von einem Zeitraum von drei bis sieben Jahren auszugehen ist.


Ob und in welchem Umfang ein solcher Abschmelzungspfad erforderlich wird, hängt von der Stellung des Unternehmers ab. Beschränkt sich z. B. sein unternehmerisches Engagement auf das Halten der Beteiligung und überlässt er wesentliche unternehmerische Entscheidungen einem Fremdgeschäftsführer, der im Unternehmen verbleibt, so spricht viel dafür, dass die vorhandene Ertragskraft vollständig übertragen werden kann.


Ist der Unternehmer z. B. auch in die Vertriebsaktivitäten eingebunden und verfügt er über sehr gute Beziehungen zu den wesentlichen Kunden, auf die große Teile der Ertragskraft entfallen, steht er aber z. B. nach der Veräußerung noch für drei Jahre beratend zur Verfügung, so könnten die finanziellen Überschüsse auch nach der Beratertätigkeit aufgrund bestehender Verträge zunächst nicht zurückgehen. Im Anschluss sinken sie jedoch meist rapide infolge abschmelzender Kundenbeziehungen. Insgesamt gesehen ist die vorhandene Ertragskraft folglich z. T. nur temporär übertragbar und dies ist in der Bewertung abschmelzend zu berücksichtigen. Nach dem Abschmelzen der nur temporär übertragbaren Ertragskraft resultieren die nachhaltig erzielbaren finanziellen Überschüsse ausschließlich aus der dauerhaft übertragbaren Ertragskraft.


Neben den Fällen temporär übertragbarer Ertragskraft sind auch solche Fälle denkbar, in denen wertbestimmende Faktoren für die Erzielung der finanziellen Überschüsse künftig nicht gar mehr zur Verfügung stehen, da sie untrennbar mit dem ausscheidenden Unternehmer als „One-Man-Show“ verbunden sind und die Ertragskraft somit nur partiell übertragbar ist. In diesen Fällen ist von einem sofortigen Rückgang der in der Vergangen heit vorhandenen Ertragskraft in entsprechender Höhe auszugehen. Aus der Sicht eines Erwerbers kann dies folgende – für den Verkäufer fatale – Konsequenz haben: Je wichtiger der Unternehmer aufgrund seiner persönlichen Verbindungen und nicht aufgezeichneten Kenntnisse ist, desto wertloser ist sein Unternehmen, und sei es noch so erfolgreich.

 

Hinweis: Es lässt sich auch beobachten, dass Unternehmer sich in den letzten Jahren ihrer aktiven Mitwirkung im Unternehmen – sozusagen auf der Zielgeraden – durch ihre Bemühungen unentbehrlich machten. Ihr Ziel war es, den Betrieb auf Vordermann zu bringen und ihn letztlich als wertvollen Schatz an die Folgegeneration weiterzureichen oder meistbietend zu vermarkten. Was sie jedoch erreichten, war die Maximierung der Abhängigkeit statt der Maximierung des Unternehmenswerts.

Festlegung des Unternehmerlohns

Eine oft auftretende Fragestellung betrifft die Vergütung des geschäftsführenden Eigen tümers der Unternehmung im Falle seines Verbleibs im Unternehmen. Regelmäßig vergütet der Unternehmer „sich selbst“ nicht mit einem seiner Position und Arbeitsleistung angemessenen Geschäftsführergehalt, sondern regelt seine Vergütung mit einer möglichen erfolgsabhängigen Ausschüttung aus dem Jahresüberschuss. Angemessene Ausgaben für die Geschäftsführung sind dann bei der Vergangenheitsanalyse und der Planungsrechnung entsprechend zu berücksich tigen. Die Höhe des Unternehmerlohns bemisst sich an der marktüblichen Vergütung für eine Fremdgeschäftsführung. Neben dem Unternehmerlohn kann auch fiktiver Lohnaufwand für bislang zu nicht marktgerechten Konditionen mitarbeitende Familienmitglieder o.Ä. zu berücksichtigen sein.


Hinweis: Auf den Ansatz von kalkulatorischen Vergütungen darf auch dann nicht verzichtet werden, wenn sich hierdurch negative finanzielle Überschüsse ergeben.

Eigentümerrisiken über Liquidationswerte offenlegen

Wenn in der Realität Unternehmen mit niedrigen Erträgen fortgeführt werden, so ist dies manchmal nicht rational zu erklären, sondern damit, dass subjektive und nicht ökonomische Wertvorstellungen der Unternehmenseigner bzw. der bloße Wille, das Unternehmen fortzuführen, in den Vordergrund treten. Wenn ein Unternehmen zwar mit mehr oder weniger Erfolg weitergeführt werden könnte, die Zerschlagung aber zu einem höheren Wert führt, sollte ggf. ein Liquidationswert ermittelt werden. Dies kann auch in dem Fall angemessen sein, dass die Ertragskraft gar nicht übertragbar ist, so dass es sich „eigentlich“ bei dem Bewertungsobjekt möglicherweise gar nicht um ein „Unternehmen“, sondern um einzelne Vermögenswerte handelt, z. B. einen Arbeitsplatz, ein Gebäude mit Betriebsausstattung oder einen Kundenstamm.


Bestehen Eigentümerrisiken, die zu einem Verlust über das bisher investierte Kapital hinaus führen (z. B. aufgrund unbeschränkt haftender Anteile, dinglicher oder persönlicher Sicherheiten aus dem Privatvermögen, noch nicht geleisteter Einlagen oder bestehender Nachschusspflichten), kann sich auch ein negativer Liquidationswert ergeben. Er wird durch die maximale Haftungssumme nach unten begrenzt.

Finanzierung, persönliche Haftung und Sicherheiten

Wie bei der Übertragbarkeit der Ertragskraft ist auch die Finanzierungsstruktur des Unternehmens daraufhin zu analysieren, inwieweit diese ohne die Unterstützung der Gesellschafter tragfähig ist. Bei KMU liegt häufig eine geringe Eigenkapitalausstattung vor, die sich aufgrund der persönlichen Haftung des Unternehmenseigners zunächst nicht nachteilig auswirkt. I. d. R. sind die Möglichkeiten von Familienunternehmen zur Eigenkapitalaufnahme begrenzt. KMU weisen daher häufig eine höhere Verschuldung im Vergleich zu kapitalmarktorientierten Unternehmen auf, die zudem oft durch Sicherheiten und Haftungszusagen des Inhabers bzw. der Gesellschafter abgesichert ist. Bei der Bewertung ist dies in der Planungsrechnung zu berücksichtigen, z. B. durch angemessene Avalprovisionen für unentgeltliche private Sicherheiten.


Empfehlung: Zu beachten ist auch, dass i. d. R. – vor allem bei gesellschaftsrechtlichen und steuerrechtlichen Anlässen – eine Bewertung des Eigenkapitals des KMU erfolgt. Dann stellen auch Gesellschafterdarlehen und Gesellschafterkonten außerhalb des Gesamthandvermögens Fremdkapital dar.


Nach Abzug der ggf. anzusetzenden Haftungsvergütungen und unter Berücksichtigung der Gesellschafterkonten als Fremdkapital können KMU eine insbesondere in Relation zur Ertragskraft sehr hohe Verschuldung aufweisen. Unmittelbar führt dies zu entsprechend höheren Zinsaufwendungen. Soweit zu einer kaufmännisch ordnungsgemäßen Unternehmensfortführung eine Eigenkapitalzuführung notwendig ist, sind ggf. auch entsprechende Kapitalzuführungen oder Gewinnthesaurierungen in der Unternehmensplanung anzusetzen. Sie mindern ebenfalls den heutigen Unternehmenswert. Mittelbar bedeutet eine höhere Verschuldung auch ein höheres Risiko.

 

Hinweis: Ein solches finanzierungsbedingt erhöhtes Risiko ist grundsätzlich durch einen erhöhten Risikozuschlag im Kapitalisierungszinssatz wertmindernd zu berücksichtigen.

Kapitalisierung der künftigen finanziellen Überschüsse

Risikozuschlag im Kapitalisierungszinssatz

Beim Ertragswertverfahren sind die zukünftigen finanziellen Überschüsse, die an die Eigentümer ausgeschüttet werden können, mit einem risikoadäquaten Kapitalisierungszinssatz zu einem Barwert abzuzinsen. Der Kapitalisierungszinssatz repräsentiert dabei die Rendite einer Alternativanlage.


Dieser Kapitalisierungszinssatz wird in der Bewertungspraxis mithilfe eines kapitalmarkttheoretischen Modells, des sog. Capital Asset Pricing Model (CAPM), ermittelt. Er setzt sich zusammen aus einem risikolosen Basiszinssatz, der aus risikolosen Staatsanleihen abgeleitet wird, zu dem ein Risikozuschlag addiert wird. Dieser Risikozuschlag wird gebildet aus einer Marktrisikoprämie, also einer allgemeinen Prämie für die Übernahme des Risikos der Investition in ein Unternehmen mit schwankenden Erträgen, multipliziert mit einem Faktor für das unternehmensspezifische Risiko des zu bewertenden Unternehmens, dem sog. Betafaktor.


Hinweis: Ein Betafaktor über 1,0 steht für ein im Vergleich zum Gesamtmarkt höheres systematisches Risiko des Unternehmens, ein Betafaktor unter 1,0 für ein entsprechend niedrigeres Risiko, das z. B. auf der Zugehörigkeit des Unternehmens zu einer bestimmten Branche beruhen kann.


Das operative Risiko von KMU ist per se nicht höher als von großen Unternehmen. Daher bietet eine Ableitung des unternehmensspezifischen Risikos (des Betafaktors) über eine sog. Peer Group von börsennotierten Unternehmen eine geeignete Grundlage (vgl. zu einer Übersicht der Betafaktoren der DAX-30-Unternehmen die Abb. 1). In der Praxis finden sich allerdings oft keine direkt mit dem zu bewertenden KMU unmittelbar und vollständig vergleichbaren börsennotierten Unternehmen. In die Peer Group sollten dann vornehmlich Unternehmen einbezogen werden, deren Branche oder Geschäftsmodell im Wesentlichen mit dem des zu bewertenden Unternehmens übereinstimmt. Hilfsweise können Unternehmen herangezogen werden, deren Geschäftsmodell durch vergleichbare Risikofaktoren beeinflusst wird. Dabei handelt es sich vor allem um Unternehmen vor- oder nachgelagerter Wertschöpfungsstufen.

 

Abb. 1:  Betafaktoren der DAX-30-Unternehmen

Vereinfachte Preisfindungsverfahren

Bei der Bewertung von KMU wird in der Praxis häufig auf vereinfachte Preisfindungsverfahren für Unternehmen zurückgegriffen. Hierzu gehört vor allem die Anwendung von Ergebnismultiplikatoren sowie von umsatz- oder produktmengenorientierten Multiplikatoren. Vereinfachte Preisfindungen können Anhaltspunkte bei der Plausibilitätskontrolle der Ergebnisse der Bewertung nach Ertragswert- oder DCF-Verfahren bieten. Sie können jedoch nicht an die Stelle einer Unternehmensbewertung treten.


Empfehlung: Ergibt sich eine Differenz zu einem zur Plausibilitätskontrolle anhand einer vereinfachten Preisfindung ermittelten Preis für das Unternehmen, so kann dies ein Anlass sein, die der Unternehmensbewertung zugrunde gelegten Daten und Prämissen kritisch zu überprüfen und ggf. dabei gewonnene bessere Erkenntnisse, z. B. in Bezug auf die Ertragserwartungen, zu berücksichtigen.

Vereinfachtes Ertragswertverfahren nach dem BewG

Für die Bewertung eines Unternehmens für Zwecke der Ertrag- und Schenkungsteuer lassen die §§ 11, 95 bis 109 und 199 ff. BewG mehrere Methoden zu. Im Sinne einer Methodenhierarchie sind Werte abzuleiten:


(1) aus vorhandenen Börsenkursen,
(2) aus Transaktionspreisen innerhalb des letzten Jahres,
(3) nach einer auch für nichtsteuerliche Zwecke üblichen Bewertungsmethode.


In den Fällen zu (1) und (2) ist eine Bewertung entbehrlich, nach (3) übliche Methoden können etwa das zuvor dargestellte Ertragswertverfahren nach dem IDW Standard S 1 und das für steuerliche Zwecke eingeführte „Vereinfachte Ertragswertverfahren“ (VEW) sein.

 

Beide Verfahren leiten den Unternehmenswert als Barwert der den Unternehmenseignern zukünftig zufließenden finanziellen Überschüsse und Abzinsung mit einem Kapitalisierungszinssatz ab. Diese beiden Parameter werden jedoch sehr unterschiedlich ermittelt: Die Überschüsse beruhen nach IDW S 1 auf einer Unternehmensplanung für i. d. R. mindestens die drei nächsten Geschäftsjahre und der Kapitalisierungszinssatz setzt sich aus einem aktuellen risikolosen Basiszins zzgl. eines unternehmens individuellen Risikozuschlags zusammen. Zudem wird der Risikozuschlag an die Verschuldung des Unternehmens angepasst.

 

Nach dem VEW hingegen ist der „nachhaltig erzielbare“ Jahresertrag vergangenheitsorientiert als Durchschnitt der letzten drei (modifizierten steuerlichen) Jahresergebnisse zu ermitteln und mit einem jährlich durch die Bundesbank ermittelten Basiszinssatz zzgl. eines pauschalen Risikozuschlags von 4,50 % zu kapitalisieren. Dabei wird der nachhaltige Jahresertrag mit dem Kehrwert des Kapitalisierungszinssatzes, dem Kapitalisierungsfaktor, multipliziert.


Der Basiszinssatz ist in den letzten Jahren bedingt durch die einschneidenden Ereignisse an den Kapitalmärkten stark gefallen. Während der Basiszinssatz zum 1.1.2009 (nach der Methodik des IDW S 1) noch bei 4,25 % lag, ist er zum 1.6.2016 auf einen Stand von 1,00 % gefallen. Der von der Bundesbank ermittelte Basiszinssatz für das VEW beträgt für alle Stichtage im Jahr 2016 1,10 %. Die Marktrisikoprämie betrug bei Einführung des VEW nach einer Empfehlung des IDW 4,0 % bis 5,0 % (nach persönlichen Ertragsteuern), seit Mitte 2012 hält das IDW aufgrund der Auswirkungen der Finanz- und Schuldenkrise unter Berücksichtigung der Basiszinsentwicklung eine Erhöhung der Marktrisikoprämie auf 5,0 % bis 6,0 % für sachgerecht.

 

Der Kapitalisierungsfaktor nach dem VEW impliziert pauschal eine Marktrisikoprämie von 4,50 % und einen Betafaktor von 1. Die im VEW nicht nachvollzogene Anpassung der Marktrisikoprämie um rd. 1,0 %-Punkte (nach persönlichen Steuern), die das IDW (richtigerweise) seit dem Jahr 2012 empfiehlt, führte seitdem nach dem VEW bei ansonsten gleichen Parametern zu einer systematischen Überbewertung aufgrund deutlich höherer Kapitalisierungsfaktoren; dies veranschaulicht die Abb. 2.

 

Abb. 2:  Entwicklung der Kapitalisierungsfaktoren nach IDW S 1 und BewG (nach pers. Steuern)

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die anstehende Erbschaftsteuerreform. Kurz vor Ablauf der Frist zur Neuregelung (30.6.2016) haben die Koalitionsparteien doch noch einen Kompromiss zur Reform der Erbschaftsteuer nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 17.12.2014 gefunden. Die genauen Formulierungen sollen in Kürze vorgelegt und vom Deutschen Bundestag verabschiedet werden. In diesem Zusammenhang ist geplant, beim vereinfachten Ertragswertverfahren die derzeitig marktfernen Bewertungsergebnisse auf ein maßvolles Niveau zurückzuführen, indem der Kapitalisierungsfaktor, der multipliziert mit dem nachhaltig erzielbaren Jahresertrag den Unternehmenswert ergibt, von 17,86 auf einen Korridor von 10 bis maximal 12,5 abgesenkt und begrenzt werden soll.


Es bleibt jedoch ein weiterer erheblicher Unterschied beider Verfahren bei der Ableitung der zu kapitalisierenden Erträge bestehen. Während das VEW von einem statischen Vergangenheitsbezug geprägt ist, gibt der IDW S1 die Ermittlung der zukünftigen Überschüsse auf der Basis einer Unternehmensplanung vor. Daher können negative, bereits eingetretene oder erwartete Entwicklungen im Geschäftsfeld des Unternehmens, seiner Branche oder der Gesamtkonjunktur (wie sie z. B. in der Finanz- und Schuldenkrise in den Jahren 2008 bis 2010 beobachtet werden konnten), aber auch strukturelle Änderungen des Geschäftsmodells bei der Bewertung nach IDW S 1, nicht aber nach dem VEW berücksichtigt werden.

 

Gleichermaßen finden weitere werterhebliche Einflüsse im VEW keine Berücksichtigung, die bei mittelständischen, unternehmergeführten Unternehmen häufig relevant sind. So können wie bereits dargestellt z. B. Ertragspotenziale (Kundenkontakte, technisches Know-how etc.), die an die Unternehmerpersönlichkeit selbst geknüpft sind, künftig entfallen, was in der Unternehmensplanung zu berücksichtigen ist. Zugleich sind ggf. Personalaufwendungen für den Ersatz des Unternehmers durch eine Fremdgeschäftsführung, Vertriebspersonal etc. einzuplanen.

 

Empfehlung: Das VEW eröffnet damit grundsätzlich die Möglichkeit einer relativ einfachen Bewertung eines Unternehmens. Abhängig von der jeweiligen Konstellation kann die Anwendung des VEW zu Werten führen, die denen nach IDW S 1 vergleichbar sind. Je mehr jedoch das zu übergebende Unter nehmen vom ausscheidenden Unternehmer abhängt und je mehr sich z. B. das Branchenrisiko und die Verschuldung des Unternehmens von der Typisierung des VEW unterscheiden, desto wahrscheinlicher werden die Wertunterschiede.

 

Daher empfehlen wir bei jedem Fall mindestens überschlägig zu prüfen, ob eine Bewertung nach IDW S 1 nicht zu angemesseneren – niedrigeren – Unternehmenswerten führt als das VEW.

 

Aus: PKF spezial Corporate Finance - Bewertungsprozesse beim Kauf oder Verkauf von Familienunternehmen 09/2016