12.02.2018

Pensionsrückstellungen im Spiegel der Niedrigzinspolitik

Vom Steuersparmodell zum unkalkulierbaren Bilanzrisiko?

Das Verhältnis von Unternehmern und Analysten zu Pensionsrückstellungen hat sich in der Vergangenheit grundlegend gewandelt: In den 1980er Jahren stellten Pensionszusagen noch ein Steuersparmodell dar; heute belasten hohe Pensionsrückstellungen die Bilanzen vieler Unternehmen. Neben der längeren Lebenserwartung, die eine tatsächliche Mehrbelastung im Cashflow der Unternehmen zur Folge hat, tragen vor allem geänderte Bilanzierungsvorschriften und anhaltend niedrige Zinsen zu der kritischeren Sicht auf die Betriebsrenten bei.

Steuerbilanzielle Vorgaben als das Maß aller Dinge

Pensionsrückstellungen werden seit je her mit 6% p.a. abgezinst. Dieser Rechnungszins stammt aus der Steuergesetzgebung und wurde von den Wirtschaftsprüfern als der höchstzulässige Zins anerkannt. Das war insofern vorteilhaft, als dass eine einzige Berechnung sowohl für die Steuerbilanz als auch für die Handelsbilanz ausreichend war. Doch zu Beginn des neuen Jahrhunderts wurde vermehrt gefordert, die Abzinsung an den Marktzins anzupassen, so wie es in der internationalen Rechnungslegung schon praktiziert wurde.

Marktorientierter Zins ohne große Schwankungen

„Rückstellungen mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr sind abzuzinsen mit dem ihrer Restlaufzeit entsprechenden durchschnittlichen Marktzinssatz, der sich aus den vergangenen sieben Geschäftsjahren ergibt.“ So hat es der Gesetzgeber bei der Einführung des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) verfügt. Dabei ist man davon ausgegangen, dass sieben Jahre der Zeitraum sind, der einen Zinszyklus zutreffend abbildet. Damit sollte das Ziel erreicht werden, einerseits eine marktorientierte Bewertung zu erreichen und andererseits die hohe Volatilität, die sich in den Bilanzen nach internationalen Rechnungslegungsstandards durch Zinsschwankungen ergibt, zu vermeiden.

Anhaltende Niedrigzinsen setzen den Durchschnittszins unter Druck

Heute wissen wir, dass die Wirklichkeit anders aussieht: Seit der Einführung des BilMoG sind die Zinsen kontinuierlich gesunken. Pensionsrückstellungen sind dadurch ganz besonders betroffen, weil diese eine außerordentlich lange Laufzeit haben und der Zinseszins-Effekt somit lange zum Tragen kommt. So betrug zur Einführung des BilMoG in 2009 die Rückstellung für die Anwartschaft eines 45-jährigen männlichen Mitarbeiters auf eine Rente i.H. von monatlich 1.000 € nach 15 Dienstjahren ca. 42.000 €. Die gleiche Rückstellung betrug mit dem zum November 2017 geltenden Rechnungszins schon 62.426 €, also gut 45% mehr.

Anpassungen führen kurzfristig zu Entlastungen

Der Gesetzgeber sah sich in der Pflicht, korrigierend einzuschreiten, und verlängerte den Zeitraum der Durchschnittsbildung von sieben auf zehn Jahre, was bei den Unternehmen, die Pensionsrückstellungen bilden müssen, zu einer deutlichen Verbesserung des Bilanzbilds führte. Allerdings ist dies lediglich ein Einmal-Effekt, der schon jetzt wieder aufgezehrt ist. Deshalb dürfen die Unternehmen die Gewinne, die sich aus dieser Änderung der Zinsermittlung ergeben, nicht ausschütten und müssen sie im Anhang angeben.


Der für Pensionsrückstellungen maßgebliche Rechnungszins lag zum 30.11.2017 bei 3,71%. Wenn – wie zu befürchten ist – die Niedrigzinsphase weiter anhält, wird der Zinssatz weiter auf unter 2% fallen. Für die Beispiel-Rückstellung bedeutet dies eine weitere Erhöhung auf über 102.000 € (vgl. Abb.). Innerhalb von 13 Jahren beträgt also die Erhöhung der Rückstellung für die Beispielzusage allein aus der Neubewertung wegen des fallenden Rechnungszinses über 140%.
 

Abb.: Beispiel zum starken Anstieg der Rückstellungsbeträge

Diskrepanz zwischen Handels- und Steuerbilanz

Die geänderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Rechnungslegungsvorschriften haben in den vergangenen Jahren zu einem erheblichen Mehraufwand in den Handelsbilanzen der Unternehmen geführt. Da für Pensionsrückstellungen die Maßgeblichkeit der Handelsbilanz für die Steuerbilanz aufgehoben ist und der Gesetzgeber unverändert eine Abzinsung mit dem wirtschaftlich nicht zu rechtfertigenden 6%-Rechnungszins in der Steuerbilanz vorschreibt, kommt es zu einer unverhältnismäßigen Lücke zwischen handels- und steuerbilanzieller Rückstellung. In Extremfällen kann es sogar dazu führen, dass sich steuerbilanziell ein Ertrag ergibt, während handelsbilanziell ein Verlust zu verzeichnen ist.

Kurzfristige Handlungsmöglichkeiten

Auch wenn es wünschenswert ist, so kann derzeit nicht damit gerechnet werden, dass sich an den steuerlichen Rahmenbedingungen und hier insbesondere dem steuerlich maßgeblichen Rechnungszins kurzfristig etwas ändern wird. Deshalb sollten Unternehmer rechtzeitig tätig werden, bevor die Pensionsrückstellungen zu einem ernstzunehmenden Problem werden. Hierbei ist zweckmäßigerweise zwischen Arbeitnehmer-Zusagen und solchen an Gesellschafter zu differenzieren.


(1) Für bereits erteilte Zusagen an Arbeitnehmer hat der Arbeitgeber zwar aus Gründen der Besitzstandswahrung kaum eine Möglichkeit, korrigierend einzugreifen. Allerdings kann eine bestehende Versorgungsordnung geschlossen werden, so dass keine neuen Versorgungsberechtigten mehr hinzukommen. Soll auch für zukünftige Arbeitnehmer eine betriebliche Altersversorgung angeboten werden, kann eine geänderte Zusagegestaltung zu größerer Planungssicherheit führen oder die Versorgung wird ganz über einen externen Versorgungsträger (wie eine Pensionskasse, ein Pensionsfonds oder eine Direktversicherung) durchgeführt.


(2) Bei Zusagen an Gesellschafter, für die das Betriebsrentengesetz nicht gilt, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, in die bestehende Zusage einzugreifen.

 

  • So kann z.B. ein Teil des Zins- und Langlebigkeitsrisikos auf den Gesellschafter übertragen werden, indem die Leistung von einer Rentenzahlung auf eine wertgleiche Kapitalzahlung umgestellt wird. Durch die feste und im Vergleich zu laufenden Renten kurze Restlaufzeit wirken sich Zinsänderungen bei Kapitalzusagen nicht so stark auf die Rückstellung aus wie das bei Rentenzahlungen der Fall ist. Allerdings bedeutet dies für den Gesellschafter ggf. Nachteile in der Besteuerung der Leistungen.
  • Eine andere Möglichkeit, die zu einer Verringerung der Pensionsrückstellung für Gesellschafterzusagen führt, ist ein teilweiser Verzicht auf die ursprünglich zugesagten Leistungen. So kann die Höhe der Zusage auf den in der Vergangenheit erdienten Teil eingefroren werden, ohne dass sich steuerliche Nachteile für den Gesellschafter ergeben.

Aus: PKF Spezial Corporate Finance - Unternehmen und Immobilien sicher bewerten 01/2018