13.06.2018

Auswirkungen der Digitalisierung auf die Unternehmensbewertung

Die digitale Transformation von Geschäftsmodellen und Prozessen erfasst auch das Rechnungswesen und Controlling einschließlich Unternehmensplanung, -steuerung und -bewertung. Traditionelle anwendungsbewährte Bewertungsprozesse müssen den besonderen Anforderungen angepasst werden.

Berücksichtigung der Unsicherheit

Bei den anerkannten barwertorientierten Unternehmensbewertungsmethoden – wie z. B. den Discounted-Cashflow-Verfahren – wird der Unternehmenswert mittels Diskontierung zukünftig zu erwartender Zahlungsströme ermittelt. Da die Digitalisierung mit einer hohen Dynamik für Geschäftsmodelle und Unternehmensprozesse einhergeht, werden an die Prognose dieser Zukunftserfolge erhöhte Anforderungen aufgrund der damit verbundenen Unsicherheit zu stellen sein.

Vergangenheitsanalysen

Im Grundsatz beeinflusst die Geschäftsentwicklung eines Unternehmens in der Vergangenheit nicht den Unternehmenswert, da zukünftige Zahlungsströme wertrelevant sind. Um jedoch wesentliche Einflussfaktoren und sog. Werttreiber für das Geschäftsmodell zu identifizieren, werden i. d. R. Vergangenheitsanalysen durchgeführt. Dabei erfolgt eine vergangenheitsorientierte Analyse der Unternehmensentwicklung im Hinblick auf die zukünftige Ertragskraft. Die digitale Transformation kann dazu führen, dass sich in der Vergangenheit erfolgreiche Ertragsquellen wesentlich verändern bzw. u. U. gar nicht mehr existent sind. Dies wird beispielsweise beonders deutlich in der Musikindustrie oder bei Zeitungsverlagen,wo die Transformation zu einer Abkehr von materiellen Erzeugnissen (CD, Anzeigen) und hin zu digitalen Produkten geführt hat. Aus diesen Gründen sind insbesondere auch die durch die Transformation zu erwartenden neuen Werttreiber zu identifizieren und zu prognostizieren.

Planungsrechnung

Im Rahmen der Prognose von Zukunftserfolgen werden Unternehmensplanungen erstellt. In diesem Zusammenhang werden die ersten Planjahre detailliert geplant, die Werte entsprechend in einer Phase I explizit geplant und in einer Phase II wird zur ewigen Rente übergegangen. Durch die Digitalisierung können sich wesentliche Einflussgrößen wie das Markt- und Wettbewerbsumfeld sehr kurzfristig ändern und somit in der Planung niederschlagen.

 

Solange noch kein sog. Gleichgewichtszustand (definiert als Zeitraum mit konstanten Zahlungsüberschüssen unter Ausgleich von positiven und negativen Ausschlägen) erreicht wurde, ist es nicht sachgerecht, in die ewige Rente überzugehen. Stattdessen ist in diesen Fällen die Planungsrechnung um eine Übergangsphase zur ewigen Rente zu ergänzen, bis ein Gleichgewichtszustand erwartet werden kann. Bei Erwartung von bereits in der Detailplanungsphase wesentlichen (digitalisierungsbedingten) Veränderungen sollte dies durch Szenarioanalysen abgebildet werden. In diesem Zusammenhang ähneln Planungsrechnungen von Unternehmen, die sich in einer digitalen Transformation ihres Geschäftsmodells befinden, denen von schnell wachsenden Unternehmen bzw. Startups in der Wachstums- und Reifephase: Die Vergangenheitsergebnisse liefern im Regelfall keinen geeigneten Anhaltspunkt für die Prognose zukünftiger Entwicklungen und für die Vornahme von Plausibilitätsüberlegungen. Es besteht in diesen Fällen eine hohe Dynamik bei gleichzeitig hoher Unsicherheit.


Die Prognose zukünftiger Cashflows und insbesondere des Gleichgewichtszustands unterliegt erheblichen Unsicherheiten und Schwankungen, einhergehend mit einer hohen Sensitivität bezüglich der Veränderung von Planungsparametern. Die Planungsrechnung sollte daher auf der Basis von zu erwartenden Marktanteilen, prognostizierten Margen und Marktgrößen vorgenommen werden und insbesondere die nachfolgenden Faktoren berücksichtigen:

  • die nachhaltige Markt- und Wettbewerbsfähigkeit des Produkt- und Leistungsprogramms,
  • die Ressourcenverfügbarkeit, die infolge des Wachstums erforderlichen Anpassungsmaßnahmen der internen Organisation,
  • die Finanzierbarkeit sowie
  • die (für das Wachstum des Unternehmens) erforderliche Skalierbarkeit des Geschäftsmodells,
  • darüber hinaus sollte der Wachstumsabschlag die Besonderheiten des (schnell) wachsenden Unternehmens hinreichend berücksichtigen.

Kapitalisierung

Bei barwertorientierten Unternehmensbewertungsmethoden werden die künftig zu erwartenden Zahlungsströme mittels eines risikoadjustierten Kapitalisierungszinssatzes auf den Bewertungsstichtag diskontiert. Dieser Zinssatz wird i. d. R. mittels des Capital Asset Pricing Model (CAPM) bestimmt. Dabei werden die Eigenkapitalkosten als Summe des risikolosen Basiszinssatzes und des unternehmensindividuellen Risikozuschlags bestimmt. Dieser Zuschlag wird als Produkt aus Marktrisikoprämie und dem sog. Beta-Faktor ermittelt, wobei Beta als Maßstab für das unternehmensindividuelle Risiko gesehen wird.


Gängige Praxis ist in diesem Zusammenhang die Ermittlung (auch) von historischen Kapitalmarktdaten unter der Annahme, dass das Beta sich über die Perioden relativ konstant verhält und diese Erkenntnisse auf die Zukunft übertragen werden können. An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob historisch zu beobachtende Werte geeignet sind, wenn sich Geschäftsmodelle und -prozesse teilweise disruptiv verändern. Veränderungen könnten bei Szenarien bei der Bestimmung des Beta-Faktors oder des Kapitalisierungszinssatzes berücksichtigt werden.

Fazit

Auch im Rahmen der digitalen Transformation von Geschäftsmodellen und -prozessen bleiben die Grundsätze der Unternehmensbewertung zwar bestehen. Bei der Ermittlung von Zukunftserfolgswerten ergeben sich aber neue Herausforderungen bei der sachgerechten Planung der zukünftigen Erfolgsbeiträge: Vergangenheitsanalysen sind bei einem Wandel der Geschäftsmodelle nur noch eingeschränkt aussagekräftig.


Nur eine insoweit adäquate Berücksichtigung zukünftiger digitaler Wertbeiträge unter angemessener Berücksichtigung ggf. rückläufiger Wertbeiträge aus „alten“ Geschäftsmodellen führt zu aussagekräftigen Unternehmensbewertungen. Zudem sind zusätzliche Unsicherheitsfaktoren bei der Erstellung der Planungsrechnung und Bestimmung des Kapitalisierungszinssatzes zu berücksichtigen.


WP StB Patrick Niebuhr, Berlin

Aus: PKF Nachrichten 06/2018